Dein Reich komme – Kingdome Come und Rassismus

Vor fast einem Monat habe ich Kingdom Come Deliverance beendet. 14 Tage habe ich gebraucht, um das vermeintlich realistischste Historienspiel auf dem Markt durchzuspielen – mit allen Nebenquests und Upgrademöglichkeiten, die zur Verfügung standen.
Das Spiel hat mich direkt in seinen Bann gezogen. Endlich wieder ein neues Spiel! Kein Remake, keine Remastered-Version, keine Fortsetzung, sondern eine ganz neue Spiel-reihe (?!) mit einem komplett neuen Konzept.

Doch noch vor Release stand das Spiel unter scharfer Kritik.

Der Protagonist Heinrich aus Kingdom Come: Deliverance

Hintergründe

In seinem ausschlaggebenden Artikel bezeichnet der Blogger Jan Heinemann den Mitbegründer des Entwicklerstudios von KCD und Lead Designer, Daniel Vávra, als „zwielichtige Erscheinung“. Mit ihm stand und fiel jegliche Kritik an Kingdom Come Deliverance: Seine politische Einstellung oder Motivationen und wie er sie im Spiel umsetzen wollte, überschattete die Vorberichterstattung zum Release. Die Essenz: Vávras sei ein rassistischer Eurozentrist, der seine Sichtweiße auf farbige Menschen im mittelalterlichen Böhmen (diese seien dort nicht vorhanden gewesen) ins Spiel trage.

Dabei trat KCD mit einem hehren Ziel an: Nicht nur historische Genauigkeit, auch eine riesen Open-World-Karte mit zahlreichen Nebenquests und authentischen Charakteren war (und ist) der Anspruch des, über Crowdfunding finanzierten Spiels. Gerade dieser vermeintlich authentische Anspruch macht die Vorwürfe gegen Vávras so prekär. Und in der Tat: Es gibt keine farbigen Menschen in KCD. Keine einzige Person.

Zu der Debatte um die historische Genauigkeit kann ich nichts beitragen. Ich habe nicht das Wissen darüber, ob es um 1403 farbige Menschen in Böhmen gab (oder nicht, wie Vávras immer wieder betont).

Designer equals Game?

Was ich mich allerdings frage ist, inwieweit man ein Spiel unabhängig von seinem Lead-Designer bewerten kann?! Inwiefern muss ein solches Spiel im Kontext der politischen Gesinnung seines Entwicklers gesehen werden? Wie viel Verantwortung trägt der Spieler, der ein solches Spiel wie KCD kauft und damit unterstützt?

Was auf keinen Fall getan werden darf ist, die Vorwürfe gegen Vávras herunterzuspielen. Genau wie jede andere Narration kann ein Spiel Meinungen bilden. Sollten konkrete rassistische, frauen- beziehungsweise menschenfeindliche Motive in KCD übertragen worden sein, so muss dagegen vorgegangen werden.

Doch ein Spiel zu verurteilen bevor es überhaupt veröffentlicht wurde, ist auch kein Weg. Seit KCD im freien Handel verfügbar ist, ebbt auch die Debatte um Vávras ab. Heinemann schreibt: „Denn Spiele sind keine unpolitischen Wohlfühlzonen, wie es die Aktivist*innen von GamerGate gerne hätte, sondern Abbild ihrer Entwickler*innen.“

Das stimmt, doch wurde in dieser Debatte hauptsächlich ein Blick auf den Lead Designer und so gut wie gar keiner auf das Spiel selbst geworfen. Dabei stecken hinter einem Spiel wie KCD nicht nur mehrere Jahre, sondern auch ein Team von rund 120 Leuten.

Betrachte ich die Debatte rund um das Spiel jetzt, wo ich es beendet habe, muss ich sagen, dass ich keine fremdenfeindlichen Anwandlungen gefunden habe. Ehrlich gesagt habe ich das Spiel insgesamt als recht unpolitisch wahrgenommen. Es stimmt, es gibt keine farbigen Personen in diesem Spiel, genauso wenig wie Menschen mit Behinderung. Inwiefern das geschichtlich validiert wird, kann ich, wie gesagt, nicht beurteilen.

Kingdom Come: Rassismus im Spiel

Doch alleine die ausschlaggebende Tragödie, aufgrund derer mehrere hundert Einwohner der Kleinstadt Skalitz zu Flüchtlingen werden, wurde in meinen Augen alles andere als fremdenfeindlich dargestellt. Ganz im Gegenteil werden hier einige Problematiken einer Debatte um Figurationen wie ‘Uns’ vs. ‘die Anderen’ kritisch aufgezeigt. Die ‘Flüchtlinge’ leiden in der Stadt, in der sie aufgenommen wurden: Die dortigen Einwohner empfinden sie als Last, werfen ihnen vor, die dortigen Frauen zu belästigen und die Jobs zu stehlen.

Die Skalitzer tragen keinerlei Schuld an ihrer Tragödie und nun sitzen sie am Toreingang und betteln oder werden im nahe gelegenen Kloster versorgt. Als Spieler hat man die Aufgabe, den Zustand der Flüchtlinge zu verbessern oder als Stadtpatrouille für Ordnung zwischen Einwohnern und Flüchtlingen zu sorgen. Die Debatte um ‘die Anderen’ ist allgegenwärtig und als Spieler ist man einer von ihnen. Dazu gehören Missgunst und Vorurteile gegenüber dem Protagonisten Heinrich, wie sie sich auch in der realen Debatten um Flüchtlinge in Europa zeigen.

Eine Kneipenszene in Kingdom Come: Deliverance

Ich kann sagen, dass ich keine rechten Positionen in diesem Spiel erkennen konnte. Das mag daran liegen, dass ich das Spiel selbst so wahrgenommen habe, wie es meiner politischen Einstellung entspricht. Will man Kingdom Come Deliverance eine politische Haltungen unterstellen, so erkannte ich eine Kritik an dem fehlenden oder schlechten Umgang mit Flüchtlingen und vor allen Dingen eine scharfe Kritik an der institutionellen Kirche, die in KCD zu größten Teilen äußert skrupellos und machthungrig dargestellt wurde.

Doch das ist ein Thema für einen weiteren Blogbeitrag – jetzt, wo Far Cry 5 herauskommt.

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